Ideologiekritik heute

Der Begriff „Ideologie“ wird allgemein negativ verwendet, allerdings zeigt die folgende Liste einiger gegenwärtig zirkulierender Ideologiedefinitionen, dass dieser in der Forschung auch positiv und wertneutral verwendet wird:

• Identitätsdenken
• Korpus von Ideen
• Sozial notwendige Illusion
• Falsche Vorstellungen

Die Polysemantik des Begriffes beruht auf seiner immanenten aufklärerischen Tradition. Die Auffassung, was Aufklärung ist oder sein kann, hat sich bis heute stark gewandelt, womit sich wiederum neue Begriffsbestimmungen von Ideologie vollzogen haben. Der Intersubjektivitätsverlust, beziehungsweise die Polysemantik des Begriffes „Ideologie“, hat jedoch nichts an seiner Aktualität im wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Diskurs geändert, weshalb es das Bestreben von Ideologieforschung.de ist, die Bedeutung und Funktion von Ideologie zu analysieren.

Unser Forschungsansatz beruht auf dem negativen Ideologieverständnis von Hans-Georg Gadamer, das er in einer Ideologiekritikdebatte zur endlich-geschichtlichen Bestimmtheit des menschlichen Daseins und dem daraus resultierenden Relativismus entwickelte. Aufgrund der Annahme, das der Mensch endlich-geschichtlich bestimmt ist, gilt es den Begriff „Ideologie“ folgendermaßen zu definieren:

Ein System von Vorstellungen, das explizit oder implizit
Anspruch auf eine absolute Wahrheit erhebt.

Der Vorteil dieser Definition gegenüber den bisherigen ist, dass sie ermöglicht:

• Einen Gegensatz zu formulieren, der nicht notwendigerweise und überall Gegensatz ist, sodass Ideologie nicht zu einem bedeutungsleeren Begriff wird;
• Ideologie als einen Begriff der Kritik gemäß seiner aufklärerischen Tradition zu verwenden.

Außerdem impliziert die Definition gemäß der endlich-geschichtlichen Bestimmtheit des menschlichen Daseins auch keinen Wahrheitsanspruch außer der Evidenz des menschlichen Daseins selbst, die ihre Begründung und Begrenzung aus der Lebenspraxis, aus der sie jeweils aufsteigt, empfängt. Aus dieser Perspektive erweist sich die Ideologiedefinition als sehr geeignet für den wissenschaftlichen Diskurs, weil sie Scheingefechten, z.B. wegen des gegenseitigen Vorwurfs, ideologisch verblendet zu sein, keine Grundlage bietet.

Die Ideologietheorie ist das Fundament der Ideologieforschung und ihr Werkzeug zugleich, wenn es um die Klärung der Bedeutung und Funktion von Ideologien für das menschliche Dasein geht. Es ist ihre Aufgabe, eine theoretische Basis für eine Ideologiekritik, die der endlich-geschichtlichen Bestimmtheit des menschlichen Daseins gerecht wird, bereitzustellen, d.h. Ideologie im Sinne des Erkenntnisproblems zu definieren. In diesem Sinne gilt es zudem bisherige und aktuelle ideologietheoretische Arbeiten aufzuarbeiten, um sie für aktuelle Analysen nutzen zu können, beziehungsweise, es gilt ihre Ergebnisse darauf zu überprüfen, ob sie selbst ideologisch sind. Die zentrale Aufgabe der Ideologietheorie ist es also, eine Ideologietheorie bereitzustellen, die dem Vorwurf, selbst ideologisch zu sein, standhält, weshalb sie stets selbst ihre eigene theoretische Basis ideologiekritisch überprüfen muss, womit sie selbst zu einer Ideologiekritik wird. Sie muss zugleich eine Ideologiekritik ermöglichen, die sich nicht nur mir ihrer eigenen theoretischen Basis auseinandersetzt, sondern auch neue Einsichten in Ursachen, Entstehung und Funktionen von Ideologien zulässt.

Die Ideologiekritik hat traditionell die Intention, die Menschen von falschen Vorstellungen zu befreien. Diese Intention hat dazu geführt, dass sie mit Recht selbst als ideologisch bezeichnet worden ist, weil eine solche Kritik einen nicht zu begründenden Wahrheitsanspruch, das Erkenntnisproblem betreffend, voraussetzt. Diese Kritik trifft auch auf Ansätze zu, die ihre Vorstellung von Wissenschaft in Form einer bestimmten Methodologie oder Theorie der Vernunft als Maßstab für die wahre Wissenschaft ausgeben und Ideologie als negativen Gegensatz zu diesen definieren, womit sie wiederum von einer absoluten Wahrheit ausgehen. Aus diesem Grund kann der Anspruch der ideologiekritischen Analysen nur darin bestehen, die Dogmatik von Ideologien im Sinne der endlich-geschichtlichen Bestimmtheit des menschlichen Daseins aufzuzeigen, damit die größtmögliche Offenheit innerhalb der Gesellschaft gewährleistet ist. Die Ideologieforschung kann es jedoch nicht bei bloßer Ideologiekritik belassen. Sie muss mittels ihrer Analysen einen Beitrag zur ideologiekritischen Bestimmung von Begriffen wie Wissenschaft, Ethik und Religion leisten, um einem Relativismus um des Relativismus Willen vorzubeugen.

Autor: Christian Duncker

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