Der Große Ausverkauf:
Der Grosse Ausverkauf – Doku (Wer Globalisierung genau verstehen will, muss diese Doku gesehen haben!) from Rafael Klein on Vimeo.
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Der Begriff ‚Ideologie’ stand bei Destutt de Tracy ursprünglich für eine Wissenschaft der Ideen. Diese Wissenschaft: Ideologie vertrat die Auffassung, dass alle Ideen bzw. Bewusstseinsinhalte des Menschen durch Sinnesempfindungen vermittelt werden und auf sie zurückzuführen sind. Die Ideologie, die sich mit dem Ursprung und der Entfaltungsgesetzlichkeit aller Bewusstseinsinhalte beschäftigte, verstand sich als Grundlagenwissenschaft aller anderen Wissenschaften mit dem Ziel, allen falschen Ideen und Vorurteilen entgegenzuwirken (vgl. Lieber 1985, 19-20). Schließlich führten aber die aufklärerischen Ambitionen der Vertreter der Ideologie zu einer Konfrontation mit Napoleon Bonaparte, da sie im Gegensatz zu seinen machtpolitischen Herrschaftsinteressen standen. In dieser Auseinandersetzung denunzierte Bonaparte letztendlich die Vertreter der Ideologie als wirklichkeitsfremde Denker bzw. als Ideologen, was dazu führte, dass der Begriff Ideologie nun selbst für wirklichkeitsfremdes Denken stand (vgl. Lieber 1985, 32).
Im Rahmen der materialistischen Geschichts- und Gesellschaftstheorie von Karl Marx und Friedrich Engels wurde der Ideologiebegriff ganz zu einem soziologisch-politischen Begriff. Außerdem haben ihre nicht ganz konsistenten Äußerungen zum Ideologiebegriff einen wesentlichen Beitrag zur gegenwärtigen terminologischen Diffusion des Begriffes Ideologie geleistet (vgl. Romberg 1976, 164): Ideologie steht bei ihnen
„(1) [für] den Ausdruck und die Form menschlicher Selbstentfremdung in Religion, Philosophie, Politik; (2) [für] den Ausdruck und die Form der Illusion, ‚Geist’ und ‚Idee’ machten und beherrschten Geschichte und Wirklichkeit; (3) [für] die materiell notwendige, praktisch erzeugte Verkehrung der wirklichen Triebkräfte der Geschichte in der gesellschaftlichen Arbeitsteilung; (4) [für] die gesellschaftlich notwendige Widerspiegelung sozial-ökonomischer Prozesse als scheinbar naturwüchsige und ewige Strukturen einer bestimmten historischen Produktion und Reproduktion; (5) [für] gesellschaftlich notwendiges falsches Bewusstsein, das trotz seiner Verkehrtheit determinierend auf die Praxis wirkt“ (Sandkühler 1999, 610).
Das Fehlen einer allgemein anerkannten Definition des Begriffes Ideologie verbindet mit diesem eine gewisse Problematik, die Kurt Salamun in seinem Aufsatz Ist mit dem Verfall der Großideologien auch die Ideologiekritik zu Ende? als Definitionsproblem bezeichnet (Salamun 1992, 39-40).
Salamun verdeutlicht das Definitionsproblem des Begriffes Ideologie anhand der These vom Ende der Ideologien vom französischen Philosophen und Politologen Raymond Aron, der sich in der Mitte der fünfziger Jahre mit der Frage beschäftigte, ob der „Marxismus, wie er sich in der UdSSR und den osteuropäischen Staaten als offizielle Staatsideologie etabliert hatte, die letzte Großideologie sei und daß mit dem Verfall dieser Ideologie die Zeit der Ideologie endgültig vorbei sein werde“ (Salamun 1992, 31).
Die These vom Ende der Ideologie wurde in den Fünfziger- und Sechzigerjahren nicht nur von Aron, sondern auch in verschiedenen Varianten von Daniel Bell, Seymor Lipset, Edward Shils und Otto Brunner vertreten. Eine solche These lässt sich nach Salamun relativ plausibel vertreten, wenn mit dem Begriff Ideologie z.B. faschistische, nationalsozialistische oder stalinistische Herrschaftssysteme bzw. Weltanschauungen bestimmt werden, welche für eine bestimmte Zeitepoche stehen.
Es zeigt sich also, dass die Gültigkeit der These vom Ende der Ideologie untrennbar mit der Entscheidung verbunden ist, welche Definition des Begriffes Ideologie für die jeweilige Variante einer solchen These gelten soll. Die in Anspruch genommene Definition von Ideologie bestimmt folglich die Reichweite bzw. den Geltungsbereich jeglicher These vom Ende der Ideologien, sowie jeder anderen These, welche sich mit Ideologien beschäftigt. Dieser Tatbestand hat wiederum zur Folge, dass jede Diskussion bezüglich der Bedeutung von Ideologien zu wissenschaftlich fruchtlosen Scheingefechten führen kann, wenn nicht von einer gemeinsam anerkannten Ideologiedefinition ausgegangen wird. Es könnte zu einer reinen Gegenüberstellung von unterschiedlichen Ideologiedefinitionen kommen, wobei jede für sich alleinige Gültigkeit beansprucht.
Im Falle der Diskussion vom Ende der Ideologien führte schließlich das Ideologiedefinitionsproblem dazu, dass die These selbst als Ausdruck einer spezifischen Ideologie bezeichnet wurde. Dieser Vorwurf wurde in der damaligen Diskussion auf unterschiedlichste Art und Weise vorgetragen und begründet.
Die Vertreter des Marxismus-Leninismus waren beispielsweise der Auffassung, dass die These vom Ende der Ideologien selbst eine bürgerliche Klassenideologie sei, die den offenen Kampf der Ideologien, welcher nach ihnen für den Sieg des Marxismus-Leninismus über den Kapitalismus notwendig war, verhindern sollte. Folglich geriet eine solche Kritik selbst in Verdacht ideologisch zu sein, womit sich das Definitionsproblem bzw. die mögliche Problematik des Fehlens einer allgemein anerkannten Definition des Begriffes Ideologie im Ganzen darstellt (vgl. Salamun 1992, 39-44).
Auch Ernst Topitsch verweist darauf, dass die fast unbegrenzte Definitionsvielfalt des Ideologiebegriffes häufig die interdisziplinäre wissenschaftliche Zusammenarbeit erschwert und teilweise sogar den wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritt hemmt. Andererseits betont er jedoch, dass eine noch so exakte und allgemein verbindliche Definition des Begriffes Ideologie nicht überbewertet werden sollte, da sie für sich allein keine Probleme lösen, sondern nur ein sehr wertvolles Hilfsinstrument sein kann. Definitionen sind nämlich nur „Festsetzungen über die Verwendung eines bestimmten Ausdruckes, die auf dem Wissensstand einer Zeit getroffen werden und jederzeit wieder änderbar sind, wenn sich dies auf Grund von Erkenntnisfortschritten als notwendig erweist“ (vgl. Topitsch/Salamun 1972, 11-12).
Eagleton hingegen steht dem Unterfangen, die fast unbegrenzte Bedeutungsfülle des Begriffes Ideologie hinsichtlich seiner Nützlichkeit für die Ideologieforschung mit einer Definition zu erfassen, noch skeptischer gegenüber als Topitsch. Er stellt sogar die Möglichkeit eines solchen Unternehmens in Frage. Seiner Ansicht nach ist der Begriff Ideologie wie ein Text, „der aus vielen verschiedenen begrifflichen Fäden gewoben ist und von divergierenden Traditionslinien durchzogen wird“ (Eagleton 2000, 7). Aus diesem Grund erscheint es ihm wesentlich sinnvoller, die unterschiedlichen Traditionslinien des Ideologiebegriffes auf ihre Vorteile und Nachteile zu untersuchen, als diese mit Gewalt in eine allumfassende Definition zu zwingen (vgl. ebd., 7). Eine solche Vorgehensweise scheint aber nur dann sinnvoll zu sein, wenn eine allgemeinverbindliche Definition gesucht werden soll, um die wissenschaftliche Uneinigkeit über den Begriff Ideologie und die daraus resultierenden Probleme für die interdisziplinäre wissenschaftliche Zusammenarbeit zu beheben.
Das Definitionsproblem kann nicht einfach gelöst werden, indem nur auf dieses Phänomen hingewiesen und sich daraufhin für eine bestimmte Ideologiedefinition entschieden oder eine neue Ideologiedefinition für die jeweilige eigene Untersuchung kreiert wird. Diese Herangehensweise ermöglicht zwar, die Diskussion bezüglich der Definitionsfrage des Begriffes Ideologie zu umgehen, jedoch wird hiermit lediglich ein weiterer Beitrag zur Vielfältigkeit des Ideologiebegriffes geleistet. Daher ist zu berücksichtigen, dass jede Ideologiedefinition mit dem Anspruch auf Allgemeingültigkeit Gefahr läuft, selbst als ideologisch diskreditiert zu werden (vgl. Straßner 1987, 2). Die Vertreter des Projektes Ideologie-Theorie vergleichen diese Problematik zutreffend mit dem sprichwörtlichen ‚Griff ins Wespennest’. Sie beziehen sich in ihrem Vergleich nur auf die marxistisch geprägte Diskussion von unterschiedlichen Ideologiedefinitionen, der Vergleich trifft allerdings auf die ganze Diskussion zu (vgl. Haug 1979, 5).
Auch Hans-Joachim Lieber ist sich der fast unbegrenzten Vieldeutigkeit des Begriffes Ideologie und dem daraus resultierenden Definitionsproblem bewusst. „Dennoch gibt es “ nach ihm „bei aller Vieldeutigkeit von Begriff und Theorie der Ideologie Gemeinsamkeiten“, die Beachtung verlangen und zunächst eine Typologisierung von vier verschiedenen Ideologiecharaktertypen ermöglichen (Lieber 1985, 14):
Der erste Charaktertyp bestimmt Ideologie als ein falsches Denken bzw. Bewusstsein, mit dem bestimmte Interessen verdeckt, verschleiert oder gerechtfertigt werden sollen. Eine solche negative Konnotation bei dem Begriff Ideologie kann entweder eine denunziatorische oder eine kritische Funktion einnehmen. Die Intention einer Ideologietheorie, die auf diesem negativen Verständnis von Ideologie beruht, ist es, Ideologien mittels funktional-struktureller oder historisch-soziologischer Analysen als solche aufzuweisen und aufzuheben, womit sie vom Grundsatz eine Ideologiekritik ist (vgl. Lieber 1985, 14).
Der zweite Charaktertyp bestimmt Ideologie als ein geistiges Aussagesystem oder -symbol, das eine Stabilisierung der gesellschaftlich-politischen Systeme leistet und einzelmenschliches Sozialverhalten durch Vorgaben von systematischen Verhaltensmustern und individueller Sozialerfahrung entlastet. Eine Ideologietheorie, welche auf einem solchen Ideologiebegriff basiert, untersucht, ob und unter welchen Bedingungen Ideologien ihrer Entlastungs- bzw. Stabilisierungsfunktion genügen, und, wenn nicht, warum nicht. Ideologie wird instrumentalistisch verstanden und wie ein Instrument auf die Tauglichkeit für den vorgegebenen Zweck hin befragt (vgl. ebd., 14-15).
Der dritte Charaktertyp bestimmt Ideologie wertneutral als ein normatives Denken von Gruppen in der Gesellschaft. Eine Ideologietheorie mit einem solchen Verständnis von Ideologie sieht ihre Aufgabe darin, die strukturellen Zusammenhänge zwischen Bewusstsein und Gesellschaft „analytisch-deskriptiv zu untersuchen, und zwar unter der doppelten Perspektive: In welcher Weise ist Denken von Menschen in seinem Inhalt, seinen Strukturen und Funktionen durch gesellschaftliche Bedingung bestimmt und geprägt und andererseits: Welche Funktion hat ein durch gesellschaftliche Strukturen geprägtes oder mit geprägtes Denken für eben diese Gesellschaft“ (ebd., 15).
Der vierte Charaktertyp von Ideologie ist eine spezifische Ausformung des dritten Ideologiecharaktertyps: Mit den Anfängen des Faschismus und der Etablierung des Nationalismus im Deutschen Reich stieg das wissenschaftliche Interesse an dieser Form einer modernen Diktatur, die man weithin in den Sozialwissenschaften als Totalitarismus bezeichnete. Die Festigung des Systems in der Sowjetunion unter Stalin hin zum Stalinismus in ganz Osteuropa und das gestiegene Interesse an eben jenen Systemen begünstigte eine immer weiter gefächerte Totalitarismusforschung. Dieser folgten vergleichende und beschreibende Ideologietheorien, um die Grundlagen und Grundstrukturen des Totalitarismus historisch und gesellschaftlich zu analysieren und zu typologisieren, da sie bestimmte Ideologien als Grundstock der Regime erkannten. Dadurch entwickelte sich die Totalitarismusforschung zu einer besonderen Form der Ideologietheorie (vgl. Lieber 1985, 16).
Die Typologisierung von verschiedenen Ideologiebegriffen und -theorien ist in der Ideologieliteratur kein seltenes Phänomen. Es dient in den meisten Fällen nur dazu, die fast unbegrenzte Vielfalt der verschiedenen Ideologiebegriffe und Ideologietheorien zu verdeutlichen.
Ferner ist zu berücksichtigen, dass solche Typologisierungen sehr unterschiedlich ausfallen. Es handelt sich dementsprechend bei Liebers vier Ideologiecharaktertypen nur um eine mögliche Variante der Typologisierung der verschiedenen Ideologiebegriffe und -theorien. Aus diesem Grund scheint eine solche Typologisierung keine neuen Einsichten zur Lösung des Definitionsproblems des Ideologiebegriffes hervorzubringen.
Es zeigt sich jedoch bei allen unterschiedlichen Typologisierungen von Ideologiebegriffen und -theorien, dass diese in unterschiedlichster Ausprägung mit einer aufklärerischen Intention bzw. mit dem Vorhaben über den Zusammenhang und das Spannungsverhältnis von Bewusstsein und Gesellschaft aufzuklären verbunden sind (vgl. Boudon 1988, 34; Eagleton 2000, 38-41; Barion 1974, 160-161; Ritsert 2002, 7-16; Zima 1989, 9-15). Diese gemeinsame aufklärerische Intention erklärt nach Lieber auch die historischen Bedeutungsverschiebungen und Umprägungen des Ideologiebegriffes (vgl. Lieber 1985, 17). Die Auffassung, was Aufklärung sei oder sein könne, hat sich nämlich im gesellschaftlich-historischen Kontext seit der Einführung des Ideologiebegriffes bis heute gewandelt, was wiederum „zu je neuen Begriffs- und Funktionsbestimmungen dessen geführt [hat], was Ideologie genannt“ worden ist (Lieber 1985, 18). Das Definitionsproblem beruht also im Wesentlichen auf dem Erkenntnisproblem bzw. der Frage ‚Was kann ich wissen?’.
Eagleton verweist jedoch mit Recht darauf, dass nicht alle Ideologiebegriffe und -theorien konkrete erkenntnistheoretische Fragen berühren: „Eine ideologietheoretische Denktradition verläuft“ nach ihm von „Marx zu Lukács und anderen neueren marxistischen Denkern und befaßt sich u.a. mit Vorstellungen von wahrer und falscher Erkenntnis sowie mit einem Konzept von Ideologie als Illusion, Verzerrung und Mystifikation. Die andere Denktradition hingegen ist eher soziologisch denn erkenntnistheoretisch und ihr Interesse richtet sich weniger auf den Wirklichkeitsgehalt von Vorstellungen als vielmehr auf ihre gesellschaftlichen Funktionen“ (Eagleton 2000, 9).
Es ist aber zu berücksichtigen, dass der Grund für die historische Entfaltung einer eher soziologischen als erkenntnistheoretischen Denktradition von Ideologietheorien wiederum auf dem Erkenntnisproblem beruht:
„Während die Denker der Aufklärung und Marx an der Möglichkeit einer der Wahrheit mächtigen Vernunft festgehalten hatten, wurde diese Voraussetzung mit den wissenssoziologischen Entwürfen fragwürdig. Seinsverbundenheit und mangelnde Objektivität des Denkens werden damit identisch: Die einzelnen Standorte und die ihnen entsprechenden Bewußtseinsformen gelten als prinzipiell gleichberechtigt“, was in den eher soziologischen als erkenntnistheoretischen Ideologietheorien zu einer „Umfunktionierung des vordem kritischen Ideologiebegriffs zu einem neutralen Instrument soziologischer Forschung“ führte (Lenk 1967, 59).
Die ideologietheoretische Streitfrage, ob der Ideologiebegriff in Abhängigkeit vom Wahrheitskriterium oder nicht definiert werden sollte, ist ein Ausdruck dieser erkenntnistheoretischen Dissonanzen.
Angesichts der These von Paul Hirst, dass es sich bei Ideologien nicht um ein falsches Bewusstsein handeln könne, da diese real existieren, ist zu betonen, dass es sich bei einer Definition von Ideologie nur um die Festsetzung des Begriffes für den wissenschaftlichen Diskurs handelt (vgl. Eagleton 2000, 31). Es kann also keine vom Wahrheitskriterium abhängige oder unabhängige Ideologiedefinition als falsch abgelehnt werden, jedoch kann für oder gegen sie hinsichtlich ihrer Nützlichkeit bzw. Brauchbarkeit für den wissenschaftlichen Diskurs argumentiert werden (vgl. Boudon 1988, 35): Clifford Geertz z.B. vertritt in dieser Diskussion die Auffassung, dass eine vom Wahrheitskriterium abhängige Ideologiedefinition zwangsläufig einen polemischen Charakter annimmt, „denn was für den einen Erkenntnis ist, ist für den anderen Ideologie und umgekehrt. So hielt Marx sich selbst für einen Wissenschaftler, Adam Smith aber für einen Ideologen, während die Liberalen in Marx einen Ideologen sahen und in Adam Smith einen Wissenschaftler. Wenn man also will, daß der Begriff der Ideologie im wissenschaftlichen Diskurs einen Sinn hat, dann muß man ihn laut Geertz“ als symbolische Handlung bzw. unabhängig vom Wahrheitskriterium definieren, damit der Ideologiebegriff seinen polemischen Charakter verliert (Boudon 1988, 32). Andererseits kann eine Ideologietheorie, die mit einer vom Wahrheitskriterium unabhängigen Ideologiedefinition operiert, sich dem Erkenntnisproblem nicht ganz entziehen, da ihre Analysen sowie ihre Ideologiedefinition wiederum auf erkenntnistheoretischen Annahmen beruhen, die als ideologisch bzw. als falsch denunziert werden könnten. Die Möglichkeit einer solchen Ideologiekritik ist natürlich kein Argument gegen eine vom Wahrheitskriterium unabhängige Definition von Ideologie, da sie für sich allein genommen nicht dieser Problematik unterliegt. Außerdem ist eine Ideologietheorie, die mit einer vom Wahrheitskriterium abhängigen Definition von Ideologie operiert, derselben Kritik ausgesetzt. Ferner ist aber eine vom Wahrheitskriterium unabhängige Definition von Ideologie als symbolische Handlung problematisch, da sie sämtliche mathematischen Lehrsätze, Beleidigungen, Märchen, philosophischen Theorien und politischen Meinungen mit einschließen würde. Durch eine solche umfassende Definition verliert der Begriff Ideologie „an Bestimmtheit und wird bedeutungsleer – genauso wie das Wort Mitleid nichts mehr bedeuten würde, wenn man jedes menschliche Verhalten, sogar Folter, als Mitleid“ bezeichnen würde (Eagleton 2000, 15).
Diese Problematik trifft nicht nur auf die Definition von Ideologie als symbolischer Handlung zu, sondern auch auf alle vom Wahrheitskriterium unabhängigen Definitionen von Ideologie, die zu umfassend definiert sind, wie z.B. die Definitionen von Ideologie als Werturteil oder als ein System von Vorstellungen. Andererseits ist nicht zu bestreiten, dass der Ideologiebegriff auch durch eine vom Wahrheitskriterium abhängige Definition hinsichtlich des Erkenntnisproblems zu einem bedeutungsleeren Begriff wird, solange im wissenschaftlichen Diskurs keine Einigung darüber herrscht, was Wahrheit ist.
Eine Auflistung einiger verschiedener Wahrheitstheorien zeigt jedoch, dass eine solche Einigung nicht zu erwarten ist:
1. „Die „Korrespondenztheorie versteht Wahrheit als Übereinstimmung der Aussage mit der Tatsache;
2. die Kohärenztheorie sieht die Übereinstimmung als solche zwischen der vorgegebenen Aussage und allen möglichen anderen;
3. die Konsenstheorie erweitert die Kohärenztheorie auf die Übereinstimmung der zuständigen Gemeinschaft (Intersubjektivität);
4. die pragmatische Theorie garantiert Wahrheit durch die Praxis (»Wahr ist, was sich bewährt«);
5. die Evidenztheorie schließlich geht davon aus, daß die Wahrheit durch die konkrete unmittelbare Evidenz der Erfahrung und Einsicht garantiert ist” (Diemer 1977, 177-178).
Es steht außer Frage, dass der Begriff Ideologie unabhängig vom Wahrheitskriterium auch enger definiert werden kann, wie z.B. die Definition von Ideologie als Marxismus-Lenismus zeigt. Der Begriff Ideologie würde mit einer solchen Definition zu einem bloßen Synonym werden und hiermit der Ideologiebegriff hinsichtlich seiner aufklärerischen Tradition völlig bedeutungsleer. Daher bedarf es einer Ideologiedefinition, die Bedeutung trägt und unter gegebenen Bedingungen einen Gegensatz formulieren kann, der nicht notwendig und überall Gegensatz ist, damit der Ideologiebegriff hinsichtlich seiner aufklärerischen Tradition im wissenschaftlichen Diskurs noch sinnvoll gebraucht werden kann (vgl. Eagleton 2000, 15). Dies erscheint jedoch nur möglich, wenn er als ein erkenntnis-soziologisch kritischer Begriff definiert wird, der den erkenntnistheoretischen Aspekt des Ideologiedefinitionsproblems berücksichtigt.
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Die Falle 9/11:
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