Angesichts der endlich-geschichtlichen Bestimmtheit allen menschlichen Denkens ist jeder explizite oder implizite Anspruch auf eine letztbegründete Wahrheit sowie eine vollkommene Aufklärung des Spannungsverhältnisses und der Zusammenhänge von Bewusstsein und Gesellschaft als utopisch bzw. ideologisch abzulehnen. Aus dieser Perspektive ist die philosophisch-hermeneutische Ideologiekritik als ein nie zu vollendender Prozess zu verstehen, wessen sich jede ideologiekritische Analyse bewusst sein muss. Diese Einsicht ändert nichts an der Notwendigkeit solcher Untersuchungen, da sie den ideologietheoretischen Forschungshorizont, den individuellen Verstehenshorizont sowie den daraus resultierenden gesellschaftlichen Verstehenshorizont mit ihren Analysen über die möglichen Ursachen Bedeutungen und Auswirkungen von Ideologien, erweitern. Außerdem sollte sich jeder in diesem Zusammenhang vergegenwärtigen,
„wie leicht utopisches Denken in die Gefahr geraten kann für tatsächliche Inhumanität in der Gesellschaft in Anspruch genommen zu werden; dann nämlich, wenn das utopische Ziel als dogmatische Rechtfertigung jeder Inhumanität als Mittel dient. Weil solches Umschlagen humanitärer und darin aufklärerische Utopie in Apologetik von Inhumanität und Gegenaufklärung historisches Ereignis mit Menschen vernichtender Konsequenz wurde und weil heute wohl wieder Tendenzen sich durchsetzen, die unter Berufung auf das Ideal oder die Utopie einer zu verwirklichenden, total aufgeklärten, freien, gleichen und darin humanen Gesellschaft den ‚Herrschaftsanspruch exklusiver Rechtsgläubigkeit’ erheben und in seinen Namen gesellschaftliche Gewalt nicht nur predigen, sondern handfest praktizieren, muss utopisches Denken, in dem sich Ideologiekritik und Aufklärung vermitteln, gegen die Möglichkeit seiner dogmatischen Erstarrung und Indienstnahme permanent absichern, um sich selber kritisch zu bleiben“ (Lieber 1985, 181).
Diese Kritik trifft auch auf ideologiekritische Ansätze zu, die das Erlangen einer letztbegründeten Wahrheit und eine absolute Aufklärung für unmöglich halten, ihre eigenen Vorstellung von Wissenschaft in Form einer bestimmten Methodologie oder Theorie der Vernunft jedoch als Maßstab für die wahre Wissenschaft ausgeben und Ideologie als negativen Gegensatz zu diesen definieren.
Alberts Definition von Ideologie als ein System, das von Hypothesen oder letzten Gegebenheiten ausgeht, die keiner rationalen Prüfung im Sinne des fallibilistischen und kritischen Prüfungs- und Bewährungsmodells der Erkenntnis zugänglich sind, stellt ein Paradebeispiel hierfür dar.
Das Problem eines solchen Ideologieverständnisses ist nun, dass das fallibilistische und kritische Prüfungs- und Bewährungsmodell der Erkenntnis, obwohl es gar nicht in der Lage ist, letztbegründete Wahrheiten zu garantieren, im Gegensatz zu einem negativen Ideologiebegriff im Sinne eines falschen Bewusstseins definiert wird, womit ohne jegliche erkenntnistheoretische Rechtfertigung alle anderen mit diesem nicht-konform gehenden Erkenntnisformen automatisch als ideologisch bzw. als nicht-wissenschaftlich diskreditiert werden.
In diesem Sinne hat Zima vollkommen Recht, wenn er feststellt, dass die bisherigen Differenzierungsversuche von Seiten der Kritischen Theorie sowie des Kritischen Rationalismus zur Unterscheidung von Wissenschaft und Ideologie keinen wesentlichen Beitrag leisten konnten, da sie nicht ausreichend über ihre eigenen ideologischen Prämissen reflektiert haben, so dass ihre Ansätze, wie die Paradigmen beim Kuhnschen Paradigma-Konzept, sich unvereinbar in der Form von Ideologien gegenüberstehen. Ferner darf auch nicht außer Acht gelassen werden,
„daß es einen unaufhebbaren Zusammenhang zwischen der normativen Konzeption einer in sich offenen, gegen ideologische Indienstnahmen gefeiten Wissenschaft und der Utopie, einer von Ideologien freien Gesellschaft gibt. Entgegen der von dem ‚kritischen Rationalismus’ immer wieder vorgetragenen Auffassung, daß um der Reinheit und Stringenz der Wissenschaft willen zwischen Tatsachenaussagen und Werturteilen zu unterscheiden sei, ist darauf zu insistieren, daß das Konzept einer ideologiefreien Wissenschaft selber Resultat einer historisch vermittelten Entscheidung, also eines Werturteils ist, und zwar eines Werturteils, das strukturell mit der Entscheidung für eine nicht-ideologisierte Gesellschaft zusammenfällt. Beides ist nicht voneinander zu lösen und das heißt: Ist die Entscheidung für eine ideologiefreie Wissenschaft einmal getroffen, steht es nicht mehr zur beliebigen Disposition, sich für eine andere als eine ideologiefreie Gesellschaft zu entscheiden und umgekehrt. Und diese Feststellung ist selber kein Werturteil, sondern eine Sachaussage“ (Lieber 1985, 182).
Aus dieser Perspektive ist die philosophische Hermeneutik aufgrund ihrer Forderung nach einer redlichen Wissenschaft auch als normativ zu betrachten, da sie, wie Gadamer selbst eingesteht, danach trachtet „eine schlechte Philosophie durch eine bessere zu ersetzen“ (Gadamer 1993 (D), 261). Letztlich beruhen nämlich unsere Entscheidungen immer auf irgendeiner Art von Werturteil bzw. Normen, da der Mensch in einen sozialen Kontext hineingeboren wird, so dass nach Eagleton der Begriff Wertfreiheit nicht richtig verwendet wird, wenn ein Denken auf Grund eines implizierten oder vorausgesetzten, Werturteils automatisch als ideologisch denunziert wird. Das Plädoyer der Wertfreiheit bedeutet nach Eagleton, dass
„der Beobachter seine persönlichen Vorlieben und Werte nicht auf den zu untersuchenden Gegenstand übertragen darf. Er darf nicht behaupten, ein weißer Gegenstand sei schwarz, nur weil ihm schwarz gefällt. Der Begriff der Wertfreiheit hindert ihn jedoch nicht daran, einen Irrtum als Irrtum und eine Wahrheit als Wahrheit zu betrachten. Er verstößt auch nicht gegen die Wertfreiheit, wenn er sagt, ein Individuum irre sich, wenn es behauptet, zwei und zwei sei drei oder daß ein Lügner lüge“ (Eaglton 2000, 42).
Selbst Max Weber, auf den sich viele der Verfechter einer absolut wertfreien Wissenschaft berufen, teilt diese Einsicht. Weber betont sogar, dass die subjektiven Einflüsse innerhalb der Wissenschaft im negativen Sinne gerade dann zur Geltung kommen, „wenn eine »schlechthin ‚objektive’ wissenschaftliche Analyse des Kulturlebens« beansprucht wird. Eine solche strikte Objektivität“ kann es nicht geben, „weil jede wissenschaftliche Praxis auf einer spezifischen ‚Einschulung des Auges’ beruht,“ weshalb das vorrangige Ziel der Wissenschaftslehre die „Überwindung der ‚naiven Selbsttäuschung des Fachgelehrten’, der an die reine Objektivität, an die Evidenz des reinen Geistes oder des bloßen Auges glaubt“, sein muss (Heins 1997, 17-18).
Es ist interessant, an dieser Stelle festzustellen, dass Weber und Gadamer dieser Auffassung sind, obwohl Letzterer dem anderen vorwirft, die Intention zu verfolgen, eine absolut wertfreie Wissenschaft begründen zu wollen (vgl. Gadamer 1993 (E), 322).
Das philosophisch-hermeneutische Plädoyer für wissenschaftliche Redlichkeit impliziert also keine Utopie eines ideologie-neutralen Staates im Sinne Feyerabends bzw. eines von allen Zwängen freien Diskurses, da das menschliche Denken stets von einer nicht zu übersehbaren Menge unterschiedlichster sozialer Faktoren beeinflusst wird, derer wir uns nie vollkommen bewusst sein können. Aus diesem Grund kann der ideologiekritische Anspruch der philosophisch-hermeneutischen Reflexion nur darin bestehen die Dogmatik von Ideologien bzw. ihren nicht gerechtfertigten Absolutheitsanspruch hinsichtlich der endlich-geschichtlichen Bestimmtheit allen menschlichen Verstehens aufzuzeigen, um die größtmögliche gesellschaftlich-wissenschaftliche Offenheit zu gewährleisten.
Kuhns Phase der Normalwissenschaft zeigt jedoch, dass ein durch die Scientific community als absolut gültig anerkanntes Paradigma, die detaillierte fachwissenschaftliche Arbeit begünstigt, da die Wissenschaftler sich nicht mehr, wie in der Phase der Vor-Wissenschaft, in endlosen Diskussionen verstricken. Abgesehen davon, ob diese wissenschaftstheoretischen Überlegungen historische Realität besitzen oder nicht, zeigen sie, inwiefern bestimmte Überzeugungssysteme, die als absolut gültig anerkannt werden, eine positive Auswirkung, wie z.B. die Steigerung der Effektivität wissenschaftlicher Arbeit, haben kann. Es handelt sich aber, sobald sie diesen Absolutheitsanspruch erhebt, um eine Ideologie im Sinne des philosophisch-hermeneutischen Ideologieverständnisses. Folglich müssen Ideologien nicht notwendigerweise negative Auswirkung auf Wissenschaft und Gesellschaft haben. Ideologien können durch ihren ahistorischen Universalitätsanspruch Menschen vor Zweifeln bewahren. Im Falle sozialer Miss-Stände, die sich z.B. in einer großen Arbeitslosigkeit und eines daraus immer extremer werden Pauperismus auszeichnen, kann eine den Staat rechtfertigende Ideologie eine Revolution verhindern. Die Menschen würden sich dementsprechend nicht beklagen oder in Aufruhr geraten, sondern dem Staat absolut vertrauen, dass dieser alle Problem lösen kann. Die Regierungsmitglieder müssten also keine Revolution oder gar um ihr Leben fürchten und könnten sich einzig und allein auf die Probleme des Landes konzentrieren.
Gleichgültig aber wie viele unmittelbare positive Aspekte eine Ideologie für Wissenschaft und Gesellschaft aufweisen kann, ist sie letztendlich immer als eine Gefahr zu sehen, da sie das Gespräch, wie Gadamer den Verstehensprozess bezeichnet, bzw. den Verstehenshorizont einschränkt. Diese Einschränkungen können, wie im ideologiekritischen Diskurs, zu fruchtlosen Scheingefechten führen. Im Extremfall kann eine Ideologie sogar die Verfolgung, Verhaftung und Hinrichtung nicht ideologie-konformer Denker zur Konsequenz haben wie es im Dritten Reich der Fall war. Der Nationalsozialismus und der Bolschewismus sind wohl auch in der Menschheitsgeschichte als die folgenreichsten Ideologien in ihrem Ausmaß von Inhumanität zu bezeichnen und zeigen nur zu deutlich, welche Folgen eine Ideologisierung haben kann, insbesondere der Holocaust stellt ein erschreckendes Mahnmal dar.
Autor: Christian Duncker