Das ontologische Selbstverständnis der philosophischen Hermeneutik und der daraus resultierende Relativismus führten zu einer Ideologiekritikdebatte mit Jürgen Habermas.
Habermas eröffnete diese Debatte mit seinem Literaturbericht Zur Logik der Sozialwissenschaften von 1967 und ergänzte seine ideologiekritischen Überlegungen mit seinem Aufsatz Der Universalitätsanspruch der Hermeneutik von 1970. In beiden Aufsätzen kritisierte Habermas den Universalitätsanspruch bzw. das ontologische Selbstverständnis der philosophischen Hermeneutik anhand der folgenden drei in diesem Kapitel beschriebenen Punkte (vgl. Schreiter 1988, 200).
Als erstes kritisiert Habermas, dass Gadamer bei aller legitimen Kritik am objektivistischen Selbstverständnis der Geisteswissenschaften zu weit gegangen sei, als er die „hermeneutische Erfahrung abstrakt der methodischen Erkenntnis“ im Ganzen entgegengesetzt habe (Habermas 1980 (A), 46). Nach Habermas schließen sich Wahrheit und Methode nicht grundsätzlich gegenseitig aus, da der „Anspruch, den Hermeneutik gegen den auch praktisch folgenreichen Absolutismus einer allgemeinen Methodologie der Erfahrungswissenschaften legitim zur Geltung bringt“, nicht „vom Geschäft der Methodologie“ befreit, sondern entweder in den Wissenschaften wirksam wird oder gar nicht (ebd.).
Gadamer betont dagegen, dass er niemals beabsichtigte, Wahrheit und Methode in einen sich ausschließenden Gegensatz zu stellen. Der Mensch kann auch mittels Methoden zu wahrer Erkenntnis gelangen. Er lehnt jedoch den Absolutheitsanspruch der Methodologie der modernen Wissenschaft auf wahre Erkenntnis kategorisch ab, denn für ihn gibt es auch wahre Erkenntnis außerhalb der wissenschaftlichen Methodologie (vgl. Gadamer 1993 (C), 238-239).
Gadamer bestreitet auch in keiner Weise die Relevanz der Methoden in den modernen Wissenschaften, denn die methodische Sauberkeit ist eine unerlässliche Bedingung jeglicher produktiver Wissenschaft (vgl. Gadamer 1993 (E), 449).
Das Anliegen der philosophischen Hermeneutik kann also nicht sein, die Methoden der modernen Wissenschaften im Allgemeinen zu diskreditieren, sondern das jeweils leitende Vorverständnis der Methoden und die daraus resultierenden methodischen Verfremdungen des zu Verstehenden bewusst zu machen, um ein falsches objektivistisches Selbstverständnis der Wissenschaften zu verhindern bzw. eine redliche Wissenschaft zu ermöglichen.
Nach Gadamer kann die Hermeneutik auch innerhalb einer Methode zur produktiven Anwendung gelangen, sie kann jedoch nicht im Sinne Habermas auf eine wissenschaftsimmanente Funktion reduziert werden, da sie die natürliche Vollzugsweise allen menschlichen Verstehens ist und demnach vor jeglicher Wissenschaft und Methode liegt.
Demzufolge würde letztendlich jegliche wissenschaftsimmanente Einschränkung der hermeneutischen Erfahrung nicht verhindern können, hinsichtlich ihrer daraus resultierenden methodischen Verfremdung, selbst wieder zum Gegenstand einer hermeneutischen Reflexion zu werden (vgl. Lang 1981, 105).
Zweitens kritisiert Habermas die Vorrangstellung der Autorität bzw. der Tradition, vor der Vernunft, welche aus der wesenhaften Vorurteilshaftigkeit allen menschlichen Verstehens resultiert und eine „Rehabilitierung des Vorurteils als“ solches zur Folge hat (Habermas 1980 (A), 48).
Der Mensch kann hinsichtlich seiner wesenhaften Vorurteilsstruktur mittels der Reflexion nur ein Vorurteil in der Form von Autorität und Tradition durch ein anderes Vorurteil ersetzen, kann jedoch nicht dessen dogmatischen Anspruch mittels Reflexion abweisen, sodass der Mensch den dogmatisch wirkenden Gewalten der Vorurteile im Überlieferungszusammenhang, in dem er lebt, hilflos ausgeliefert ist.
Nach Habermas verkennt Gadamer damit die Kraft der Reflexion, welche sich im menschlichen Verstehen entfaltet, denn Autoritäten bzw. Traditionen setzen sich nicht einfach „blind durch, sondern durch die reflektierte Anerkennung derer, die, in einer Tradition stehend, diese verstehen und durch Applikation fortbilden“ (Habermas 1980 (B), 156).
Gadamer gesteht Habermas zu, dass es Autoritäten gibt, welche in bestimmten Herrschaftsordnungen dogmatische Gewalt ausüben, wie z.B. in einer familiären, militärischen oder bürokratischen Herrschaftsordnung. Weiterhin zeigt er mit Hilfe einer Betrachtung des Phänomens des Autoritätsverlusts oder Autoritätsverfalls, dass Autorität nicht von dogmatischer Gewalt, sondern von dogmatischer Anerkennung lebt, welche sich wiederum aus ihrer eingesehenen Überlegenheit auf Grund einer endlich-geschichtlich bestimmten kritischen Reflexion ergibt (vgl. Gadamer 1993 (C), 244).
Der Mensch wird demzufolge nicht von den ihm im Überlieferungszusammenhang entgegentretenden Traditionen bzw. Autoritäten überwältigt, sondern kann sich entscheiden diese anzuerkennen oder abzulehnen. Aus diesem Grund erkennt Gadamer auch in der Reflexionskritik Habermas’ keine wirkliche Kritik, sondern eine Übereinstimmung:
„Wenn Habermas sagt, dass ‚der Autorität das, was an ihr bloße Herrschaft war, (– ich interpretiere: was nicht Autorität war –) abgestreift und in gewaltlosen Zwang von Einsicht und rationaler Entscheidung aufgelöst’ werden kann, dann weiß ich nicht mehr, worum wir streiten“ (Gadamer 1993 (C), 245).
Auch Jean Grondin sieht in diesem Habermasschen Kritikpunkt ein Missverständnis, welches sich in der Debatte selbst sowie in einer „Wiederlektüre von ‚Wahrheit und Methode’“ zeigt, wonach Gadamer immer den Akt der Anerkennung von Autorität bzw. Tradition in einer Handlung der Vernunft selbst begründet sieht (Grondin 2001 (B), 180). Grondin hingegen sieht das Missverständnis in den teilweise zu provokativen Formulierungen der Gadamerschen Ausführungen dieser Thematik begründet (vgl. ebd. 180).
Aus diesem Grunde kritisiert Habermas drittens, dass Gadamer von einem Idealismus der Sprachlichkeit ausgeht. Gadamer berücksichtigt nicht den Einfluss von nichtnormativen Gewalten auf das Medium der Sprache, wie das System der Herrschaft und das der gesellschaftlichen Arbeit. Die Sprache ist nämlich nicht nur ein Medium von kulturellen Überlieferungen, sondern auch ein Medium von Herrschaft und sozialer Macht, das dazu dienen kann, organisierte Gewaltverhältnisse zu legitimieren und zu institutionalisieren ohne das wahre Bestreben der Legitimation anzugeben. Sprache kann also auch ideologisch sein, da es sich in einem solchen Fall „nicht um Täuschung in einer Sprache, sondern um Täuschung mit Sprache als …. solcher“ handeln würde (Habermas 1980 (A), 53). Das hat wiederum zur Konsequenz, dass jeder Konsens im Sinne des Vorgriffs der Vollkommenheit unter dem grundsätzlichen Verdacht steht, pseudokommunikativ, d.h. mit rhetorisch manipulierenden Mitteln, erzwungen worden zu sein (vgl. Habermas 1980 (B), 153).
Gadamer erwidert darauf, dass sich der rhetorische und hermeneutische Aspekt der menschlichen Sprachlichkeit in vollkommener Weise durchdringen. Es gäbe keinen Redner, bzw. keine Redekunst, wenn das Gespräch, bzw. das Verstehen, nicht gestört wäre und die Verständigung nicht gesucht werden müsste.
Das Medium der Sprache beschränkt sich also nicht nur auf überlieferte Kultur, sondern bezieht sich schlechthin auf alles, was in die Verständlichkeit der Sprache hereingeholt werden kann. Der universale Aspekt der Sprache begründet sich nämlich gerade in der unendlichen Suche nach dem inneren Wort, womit auch der Einfluss der nichtnormativen Gewalten der Herrschaft und der gesellschaftlichen Arbeit auf das Medium Sprache berücksichtigt wird. Sie sind nach Gadamer auch Teil des Motivationszusammenhangs, aus dem Aussagesätze heraus verstanden werden können, als „ob nicht gerade jede Ideologie, als ein falsches sprachliches Bewusstsein, sich nicht nur als verständlicher Sinn gäbe, sondern gerade auch in ihrem ‚wahren’ Sinn, z.B. dem des Interesses der Herrschaft, verstanden werden kann“ (Gadamer 1993 (C), 242).
Bezugnehmend auf diese drei Kritikpunkte versucht Habermas mittels zweier verschiedener Ideologiekritikansätze den Universalitätsanspruch bzw. das ontologische Selbstverständnis der philosophischen Hermeneutik, einzuschränken bzw. abzuweisen (vgl. Schreiter 1988, 200-201).
Das Bezugsystem Sprache, Arbeit und Herrschaft
Der erste Habermassche Versuch, den Universalitätsanspruch mittels einer Ideologiekritik abzuweisen bzw. einzuschränken erfolgt in seinem Literaturbericht Zur Logik der Sozialwissenschaften mit den Bezugsystemen Sprache, Arbeit und Herrschaft. Ausgehend von der Annahme, dass die philosophische Hermeneutik das Medium der Sprache auf die Vermittlung von Kultur reduziert, sieht Habermas in der Trias Sprache, Arbeit und Herrschaft einen objektiven Zusammenhang, aus dem soziale Handlungen allein begriffen werden können. „An Systemen der Arbeit wie der Herrschaft relativiert sich das Überlieferungsgeschehen, das nur einer verselbständigten Hermeneutik als die absolute Macht entgegentritt“ (Habermas 1980 (A), 54). Nach Gadamer ist es jedoch vollkommen absurd, hinsichtlich der Universalität der Sprache anzunehmen, dass „die realen Faktoren von Arbeit und Herrschaft außerhalb ihrer Grenzen liegen sollen“ (Gadamer 1993 (C), 242). Außerdem entstehen Vorurteile nicht nur aus überlieferten Traditionen bzw. Autoritäten, sondern ihr Ursprung liegt in der endlich-geschichtlichen Bestimmtheit des menschlichen Daseins selbst begründet.
Der daraus resultierende Hauptkritikpunkt von Gadamer am Habermasschen Ideologiekritikansatz ist, dass dieser von einem objektivistisch-deformierten Reflexionsbegriff ausgeht. Habermas betrachtet nämlich die Reflexion mittels dieses Bezugsystems in der Lage, die wesenhafte Vorurteilsstruktur allen menschlichen Verstehens hintergehen zu können. Dies widerspricht allerdings der endlich-geschichtlichen Seinsweise des Menschen, welche nur eine endlich-geschichtlich bestimmte Reflexion zulässt (vgl. Lang 1981, 105-106).
Die Theorie der kommunikativen Kompetenz
In seinem späteren Aufsatz Der Universalitätsanspruch der Hermeneutik versucht Habermas unter Zuhilfenahme der Psychoanalyse, eine Theorie der kommunikativen Kompetenz zu entwickeln.
Eine solche Theorie könnte es nach Habermas ermöglichen, einen pseudokommunikativen Konsens als einen solchen aufzudecken. Ein solcher Konsens kann nach Habermas keine Wahrheit verbürgen, da wahres Verstehen nur durch einen „Konsensus verbürgt sein“ kann, der „unter den idealisierten Bedingungen unbeschränkter und herrschaftsfreier Kommunikation“ erzielt worden ist (Habermas 1980 (B), 154). Gadamer empfindet es als erschreckend, dass Habermas der Rhetorik einen Zwangscharakter zuschreibt, der nur durch ein zwangfreies rationales Gespräch überwunden werden muss. Habermas unterschätzt damit „nicht nur die Gefahr der beredten Manipulation und Entmündigung der Vernunft, sondern auch die Chance beredter Verständigung“, auf der das ganze gesellschaftliche Leben der Menschen beruht (Gadamer 1993 (E), 467). Nach Gadamer stellt Habermas damit einen reflexiven Konsens in einen falschen Gegensatz zu einem rhetorisch erzielten Konsens, da auch ein reflexiv erzielter Konsens nur sprachlich erfolgen kann und somit auf einer einleuchtenden Argumentation basieren muss. Es gibt daher keine andere Möglichkeit als ein Pseudoargument mit einem stärkeren Argument zu entkräften oder zu verteidigen (vgl. Grondin 2001 (B), 182). Letztendlich scheitert die Theorie der kommunikativen Kompetenz auch an der gleichen Schwierigkeit wie das objektive Bezugssystem von Sprache, Arbeit und Herrschaft, da eine solche Theorie nur eine objektivistisch-explanatorische Funktion übernehmen kann, vorausgesetzt sie verlässt sich nicht allein auf die geschulte Anwendung kommunikativer Kompetenz, sondern auf ein objektives Wissen unverzerrter Kommunikation. Gadamer bestreitet nicht grundsätzlich die explanatorische Funktion der Psychoanalyse und Ideologiekritik, aber er verweist darauf, dass die Reflexion im gesellschaftlichen Bewusstsein ihre Grenze findet, womit Habermas am Ende seines Aufsatzes übereinstimmt (vgl. Tietz 2000, 127).
Habermas gelingt es demzufolge nicht, mit seinen zwei verschiedenen Ideologiekritikansätzen den Universalitätsanspruch der philosophischen Hermeneutik abzuweisen. Trotzdem hat die Habermassche Einsicht, die er mit Albrecht Wellmer teilt, weiterhin Bestand, dass sich der Universalitätsanspruch der philosophischen Hermeneutik nur aufrechterhalten lässt, wenn „man davon ausgeht, daß der Überlieferungszusammenhang als der Ort möglicher Wahrheit und faktischen Verständigtseins zugleich auch der Ort faktischer Unwahrheit und fortdauernder Gewalt ist“ (Wellmer 1969, 48).
Gadamer bestreitet dies auch in keiner Weise, er sieht jedoch keine Möglichkeit, die wesenhafte Vorurteilsstruktur des menschlichen Verstehens bzw. die potentiell ideologische Verzerrtheit der Sprache mittels einer Ideologiekritik zu hintergehen, um zu einer objektiven Wahrheit zu gelangen.
In einem Gespräch mit Cord Barkhausen brachte Gadamer seine Bedenken gegenüber dem allgemeinem Bestreben einer Ideologiekritik, die wahren gesellschaftlichen Verhältnisse aufzudecken, mit den folgenden Worten zum Ausdruck: „Mir fehlt an der Ideologiekritik die Ideologiekritik an der Ideologiekritik“ (zitiert nach: Tietz 2000, 129).
Eine Ideologiekritik, die sich im Glauben wähnt, frei von allen Vorurteilen bzw. gesellschaftlichen Zwängen zu operieren, scheint Gadamer hinsichtlich der endlich-geschichtlichen Seinsweise des Menschen von einem falschen hermeneutischen Bewusstsein auszugehen.
Hingegen kann der philosophischen Hermeneutik dies nicht vorgeworfen werden, da sie nicht von einem vorurteilsfreien Wissen ausgeht. Das wirkungsgeschichtliche Bewusstsein zeichnet sich gerade dadurch aus, dass es den Gegensatz zwischen fortlebender Tradition und der reflektierten Aneignung derselben als dogmatisch durchschaut. Es ist aber nicht fähig eine Ideologie, als solche aufzuheben (vgl. Tietz 2000, 128-129). Das wirkungsgeschichtliche Bewusstsein ist „auf eine unaufhebbare Weise mehr Sein als Bewußtsein“, was nach Gadamer „nicht bedeutet, daß es ohne beständige Bewußtmachung der ideologischen Erstarrung entgehen könnte,“ da der Mensch mittels seiner endlich-geschichtlich bestimmten Reflexion in der Lage ist, über Recht und Unrecht seines Vorverständnisses frei zu „befinden – und sei es auch in der Weise, daß ich vorurteilsvoll gesehenen Dingen ein neues Verständnis abzugewinnen lerne“ (Gadamer 1993 (C), 247).
Diese Freiheit setzt voraus, dass die leitenden Vorurteile des jeweiligen menschlichen Vorverständnisses in der endlich-geschichtlichen Reflexion immer wieder mit aufs Spiel gesetzt „werden – bis hin zu ihrer Preisgabe, die freilich stets auch Umbildung heißen kann“ (ebd.).
Gadamer betont ausdrücklich, dass eine solche kritische Reflexion leer und undialektisch wird, sobald sie von der Idee einer endgültig zu vollendenden Reflexion geleitet wird, da es sich hinsichtlich der endlich-geschichtlichen Bestimmtheit des menschlichen Daseins nur um einen nie ganz zu vollendenden Aufklärungsprozess handeln kann (vgl. Tietz 2000, 129).
Autor: Christian Duncker