Imre Lakatos teilt mit Thomas S. Kuhn die Auffassung, dass wissenschaftliche Aktivitäten unter bestimmten Rahmenbedingungen stattfinden, sowie, dass die Methodologie der Induktion bzw. der Falsifikation nicht alle klassischen Episoden wissenschaftlichen Fortschritts erklären kann. Ferner ist er sich auch der Problematik bewusst, dass es mittels der Methodologie der Induktion und der Falsifikation nicht möglich ist, zu entscheiden, wann eine Theorie einer anderen überlegen ist oder nicht. Dennoch lehnt Lakatos Kuhns Theorie der Struktur wissenschaftlicher Revolution ab, da diese keine höhere Norm als die Billigung der Scientific community für die Entscheidung vorzuweisen hat, ob ein Paradigma durch ein anderes ersetzt werden soll.
In diesem Sinne setzt Lakatos im Sinne des Kritischen Rationalismus Kuhns wissenschaftlichem Relativismus eine Methodologie der Forschungsprogramme entgegen, die „Kriterien des Fortschritts und der Stagnation innerhalb eines Programmes“ sowie „Regeln für die ‚Elimination’ ganzer Forschungsprogramme“ geben soll (zitiert nach Chalmers 2001, 119).
Der harte Kern und der Schutzgürtel
Ein Forschungsprogramm unterteilt sich in einen ‚harten Kern’ und einen ‚Schutzgürtel’. Der harte Kern eines Forschungsprogramms steht für allgemeine Hypothesen, auf deren Richtigkeit sich die Befürworter geeinigt haben. Sie haben sich also wie in der Phase der Vor-Wissenschaft bei Kuhn auf einen Konsens bezüglich der Grundannahmen ihres Fachbereichs geeinigt, der somit auch nicht falsifizierbar ist. Er umfasst allerdings kein Instrumentarium oder instrumentelle Techniken, die explizite Anweisungen geben, wie die Wissenschaftler eines Forschungsprogramms vorzugehen haben, sondern nur allgemeine Hypothesen. Der Schutzgürtel hingegen umfasst ein Instrumentarium oder instrumentelle Techniken sowie einen Plan, wie der Schutzgürtel weiter entwickelt werden muss, um den harten Kern eines Forschungsprogramms vor der Falsifikation zu schützen. Ferner beinhaltet der Schutzgürtel auch Anfangsbedingungen für Experimente und andere Hilfshypothesen (vgl. Lakatos 1982, 46-47).
Die negative und positive Heuristik
Die negative Heuristik steht bei Lakatos für die Anweisung, dass der harte Kern eines Forschungsprogramms nicht zur Falsifikation frei steht und somit nicht aus seiner wissenschaftlichen Arbeit ausgeschlossen werden kann. Die einzig mögliche wissenschaftliche Arbeit besteht daher im Sinne der positiven Heuristik nur darin mit Erweiterungen und Modifikationen den Schutzgürtel des harten Kerns des Forschungsprogramms vor der Falsifikation zu schützen. Diese Erweiterungen und Modifikationen des Schutzgürtels dürfen aber keinen Ad-hoc-Charakter haben bzw. sie müssen die Bedingung erfüllen mittels der Methodologie der Falsifikation unabhängig voneinander überprüfbar zu sein und neue Überprüfungen des Forschungsprogramms und neue Erkenntnisse zu ermöglichen. Ein Forschungsprogramm, das diese Bedingungen erfüllt, bezeichnet Lakatos als ‚progressiv’ und den gegenteiligen Fall als ‚degeneriert’ (vgl. Chalmers 2001, 109-111).
Die historische Perspektive
Die Differenzierung zwischen degenerierten und progressiven Forschungsprogrammen bietet nach Lakatos ein nicht-relativistisches Maß für wissenschaftlichen Fortschritt, der darin besteht, dass ein degeneriertes „durch ein progressives Forschungsprogramm“ ersetzt wird, da Letzteres „eine Verbesserung gegenüber ersterem darstellt“, da „es sich effektiver im Vorhersagen neuartiger Phänomene erwiesen hat“ (Chalmers 2001, 113).
Andererseits betont Lakatos, dass ein degeneriertes Forschungsprogramm nie als endgültig falsifiziert betrachtet werden kann, weshalb das Festhalten eines Wissenschaftlers an ihm nicht mit einem irrationalen Verhalten gleichgesetzt werden darf, solange dieser daran glaubt, durch Veränderungen des Schutzgürtels die aufgetretene Falsifikation aufzuheben. Gelingt ihm dies, kann aus einem degenerierten Forschungsprogramm wieder ein progressives werden (vgl. ebd. 117).
Die Methodologie der Forschungsprogramme erweist sich damit nur aus der historischen Perspektive in der Lage sie miteinander zu vergleichen, jedoch bietet sie kein rationales Kriterium für wissenschaftlichen Fortschritt bzw. für die Entscheidung, ob ein Forschungsprogramm einem anderen überlegen ist. Dieser Aspekt führte Lakatos zu der Einsicht, dass es „keine unmittelbare Rationalität in der Wissenschaft“ gibt, so dass jeder Positivismus oder Falsifikationismus für sich zuviel in Anspruch nimmt, wenn er glaubt, mittels irgendeines Kriteriums ein Forschungsprogramm bzw. eine Theorie zurückweisen zu können (zitiert nach ebd. 117).
Literatur:
- Chalmers, Alan F.: Wege der Wissenschaft. Einführung in die Wissenschaftstheorie. Berlin 2001.
- Lakatos, Imre: Die Methodologie der wissenschaftlichen Forschungsprogramme. Braunschweig 1982.
Autor: Christian Duncker