Thomas S. Kuhn setzt sich mit der Methodologie der Induktion und der Falsifikation kritisch auseinander und kommt zu dem Schluss, dass im Falle der Induktion jederzeit eine Beobachtung eintreten kann, die im Widerspruch zur Theorie steht, so dass, gleichgültig wie viele Beobachtungen unter unterschiedlichen Bedingungen eine Theorie belegen, nichts über deren Wahrheitsgehalt ausgesagt werden kann (vgl. Chalmers 2001, 107-116). Außerdem spricht gegen die Methodologie der Falsifikation die Einsicht der Duheme-Quine-These, dass eine Theorie nie endgültig falsifiziert werden kann, „da die Möglichkeit nicht ausgeschlossen werden kann, dass einige Aspekte der komplexen Testsituation, nicht aber die untersuchte Theorie selbst, für eine irrtümliche Vorhersage verantwortlich sind“ (ebd. 74). Überdies entspricht die Methodologie der Induktion und der Falsifikation nicht den historischen Gegebenheiten der Wissenschaftsentwicklung. In diesem Sinne entwickelte Kuhn eine mit den historischen Gegebenheiten der Wissenschaftsentwicklung eher in Einklang stehende Wissenschaftstheorie, die sich folgendermaßen zusammenfassen lässt:
Vor-Wissenschaft – Normalwissenschaft – Krise – Revolution –Neue Normalwissenschaft – Neue Krise…
Diese Formen der Wissenschaft haben jeweils besondere Charakteristiken und Funktionen, anhand derer Kuhn die Notwendigkeit wissenschaftlicher Revolutionen für wissenschaftlichen Fortschritt und deren Entstehungen erklärt (vgl. Chalmers 2001, 89-90).
Die Vor-Wissenschaft
In der Phase der Vor-Wissenschaft ist keine wirkliche wissenschaftliche Entwicklung zu finden, da sie noch kein leitendes Paradigma besitzt. Das fehlende Paradigma führt dazu, dass in dieser Phase keine detaillierte fachwissenschaftliche Arbeit geleistet werden kann, weil die Wissenschaftler sich in endlose Diskussionen verstricken, in denen jeder Wissenschaftler seinen eigenen Standpunkt bezüglich der wissenschaftlichen Vorgehensweise zu rechtfertigen versucht. Es ist eine Zeit des Chaos, da nicht ersichtlich ist, was relevant oder irrelevant für die wissenschaftliche Arbeit ist (vgl. Hoyningen-Huene 1992, 322). Der einzige wissenschaftliche Fortschritt ist der gefundene Konsens hinsichtlich der Grundannahmen des wissenschaftlichen Fachbereichs, den Kuhn als Paradigma bezeichnet. Dieser Konsens kennzeichnet gleichzeitig das Ende der Phase der Vorwissenschaft und leitet die Phase der Normalwissenschaft ein (vgl. Kuhn 2001, 34-36).
Ein Paradigma steht für die Grundannahmen einer Wissenschaft. Es kann nicht exakt definiert werden, allerdings können einige seiner Komponenten bestimmt werden. Zum einen beinhaltet ein Paradigma explizit formulierte Gesetze und theoretische Annahmen. Weiterhin umfasst es das Instrumentarium sowie die erforderlichen instrumentellen Techniken, um seine Gesetze auf die Realität anzuwenden sowie metaphysische Prinzipien, welche die Forschungsarbeiten innerhalb eines Paradigmas leiten (vgl. Chalmers 2001, 91).
Die Normalwissenschaft
Die wesentliche Aufgabe der Normalwissenschaftler ist es, das Paradigma weiter auszuarbeiten, um es besser an die Realität anzupassen, was als eine Art Rätsellösen verstanden werden muss. Die Rätsel sowie die Methoden zur Lösung dieser Rätsel sind vom Paradigma vorbestimmt (vgl. Hoyningen-Huene 1992, 323-324). Gelingt es den Wissenschaftlern nicht, diese Rätsel innerhalb des Paradigmas zu lösen, wird dies nicht als Versagen des Paradigmas gesehen, sondern als ein Versagen der Wissenschaftler, dieses richtig anzuwenden (vgl. Stegmüller 1986, 112-113). Die Wissenschaftler der Normalwissenschaft erwarten also nicht bedeutende Neuheiten zu entdecken, sondern paradigma-konforme Lösungen (vgl. Kuhn 2001, 49-50).
Die außerordentliche Wissenschaft
Selbstverständlich beinhaltet jedes Paradigma in der Normalwissenschaft auch Anomalien, die sich einer konformen Lösung widersetzen. Ein Paradigma wird jedoch wegen solcher Anomalien nicht sofort aufgegeben, da die Normalwissenschafter volles Vertrauen in dieses haben (vgl. Chalmers 2001, 92). Sobald jedoch eine Anomalie auftaucht, die die Grundlage eines Paradigmas angreift und schließlich nach andauernden Versuchen der Normalwissenschaftler nicht innerhalb des Paradigmas gelöst werden kann, gerät die Normalwissenschaft in eine Krise (vgl. Hoyningen-Huene 1992, 324). In dieser Phase versuchen die Wissenschaftler mit immer radikaler von den festgelegten Grundannahmen des Paradigmas abweichenden Modifikationen die aufgetretenen Anomalien des Paradigma zu beheben, was letztlich zu einer neuen Diskussion bezüglich dessen Gültigkeit führt (vgl. Kuhn 2001, 90-91).
Diese Form der Wissenschaft bezeichnet Kuhn als die außerordentliche Wissenschaft, die dadurch gekennzeichnet ist, dass sich immer mehr Normalwissenschaftler von ihrem Paradigma abwenden, um die in ihm aufgetretenen Anomalien der Normalwissenschaft außerhalb zu lösen. Dies geht sogar soweit, dass die Wissenschaftler der außerordentlichen Wissenschaft ein neues Paradigma aufstellen, das mit dem alten in Konkurrenz tritt (vgl. Chalmers 2001, 95). Das neue unterscheidet sich vollkommen vom alten Paradigma.
Weiterhin betont Kuhn, dass beide miteinander unvereinbar sind, d.h. sie stehen beide für eine vollkommen andere Sichtweise der Welt bzw. des Forschungsbereiches. Sie stimmen z.B nicht mit den Grundsatzfragen und Vorgehensweisen des Forschungsbereiches überein. Das neue Paradigma ist also durch vollkommen neue explizite Gesetze und theoretische Annahmen charakterisiert (vgl. Kuhn 2001, 123-124). Selbstverständlich beinhaltet es wiederum auch gewisse Anomalien. Es handelt sich hierbei aber, anders als beim alten, um weniger schwerwiegende Probleme und das neue Paradigma kann leichter an die Realität angepasst werden (vgl. Chalmers 2001, 98). Schließlich kommt es zu einer wissenschaftlichen Revolution bzw. einem Paradigmenwechsel, welcher die Phase einer neuen Normalwissenschaft einleitet (vgl. Hoyningen-Huene 1992, 325).
Die Revolution
Kuhn vergleicht die Revolution mit einer religiösen Konversion, da es kein rationales Kriterium für die Entscheidung gibt, welches Paradigma besser ist. Deshalb können auch die Anhänger eines neuen Paradigmas keinen Normalwissenschaftler argumentativ von diesem überzeugen, weil sie beide von unterschiedlichen Weltanschauungen ausgehen und darum keine Argumentation der einen Seite für die andere logisch erscheint (vgl. Chalmers 2001, 96).
Der Übergang von einem Paradigma zu einem neuen kann nur dadurch erklärt werden, dass der Normalwissenschaftler in Anbetracht der Probleme, die das alte mit sich führt, seinen Glauben an eben dieses verloren hat und sich vom neuen Paradigma mehr verspricht (vgl. Stegmüller 1986, 120-121).
Nach Kuhn liegt es also in der Hand des jeweiligen Wissenschaftlers, ob er sich für ein neues Paradigma entscheidet oder nicht. Die Gründe eines Wissenschaftlers für einen Paradigmenwechsel können unterschiedlichster Art sein, wie z.B. die Einfachheit des neuen Paradigmas oder dessen Fähigkeiten, bestimmte Probleme im Gegensatz zum alten lösen zu können (vgl. Chalmers 2001, 96).
In diesem Sinne wird ein Paradigma, gleichgültig wie viele Anomalien es auch beinhaltet, lediglich durch ein Neues verdrängt und nicht widerlegt. Diese Verdrängung ist jedoch nur möglich, da immer mehr Wissenschaftler zum neuen Paradigma wechseln, weil sie glauben, mit dem neuen in ihrer wissenschaftlichen Arbeit weiterzukommen (vgl. Kuhn 2001, 168-169).
Ein solcher Paradigmenwechsel erfolgt nicht innerhalb einer kurzen Zeitspanne, sondern es handelt sich um einen länger andauernden Prozess, der erst abgeschlossen ist, wenn sich die Mehrheit der wissenschaftlichen Gemeinschaft (Scientific community) dem neuen Paradigma verschrieben hat (vgl. ebd. 169). Sobald dies geschehen ist, haben die letzten Verfechter des alten Paradigmas bzw. die Gegner des neuen, keinen Einfluss mehr auf die neue Normalwissenschaft. Ihnen wird letztlich von der neuen wissenschaftlichen Gemeinschaft der Status einer Wissenschaft aberkannt, da sie außerhalb des neuen Paradigmas arbeiten (vgl. Kuhn 2001, 170). Schließlich sterben die letzten Widersacher des neuen Paradigmas aus und die neue Normalwissenschaft beginnt sich zu entwickeln, bis auch sie von immer wieder vermehrt auftretenden Anomalien aufgeweicht wird. Es entsteht dementsprechend wieder eine Krise, die in einer wissenschaftlichen Revolution mündet und eine neue Phase der Normalwissenschaft einleitet. Der Prozess beginnt also immer wieder von Neuen, da keine Normalwissenschaft so vollkommen ist, dass sie sich einer wissenschaftlichen Revolution entziehen kann (vgl. Hoyningen-Huene 1992, 325).
Literatur:
- Chalmers, Alan F.: Wege der Wissenschaft. Einführung in die Wissenschaftstheorie. Berlin 2001.
- Hoyningen-Huene, Paul: Thomas S. Kuhn: Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen. In: Hauptwerke der Philosophie. Band 20. Jahrhundert. Stuttgart 1992, 314-334.
- Kuhn, Thomas S.: Die Struktur wissenschaftlicher Revolution. Frankfurt am Main 2001.
- Stegmüller, Wolfgang: Normale Wissenschaft und wissenschaftliche Revolutionen. In: Stegmüller, Wolfgang (Hrsg.): Rationale Rekonstruktion von Wissenschaft und ihrem Wandel. Stuttgart 1986, 108-130.
Autor: Christian Duncker